Islamistische ›Prediger‹ gehen mit ihren Videos seit einiger Zeit auf TikTok viral. Sie erreichen Tausende, propagieren ein extremistisches Islamverständnis sowie eine Abkehr von angeblich ›westlichen Versuchungen‹ wie Rap-Musik oder Frauenrechten und versuchen, Kinder und Jugendliche zu radikalisieren.
In diesem Kontext werden seit dem 7. Oktober 2023 auch die Verbrechen der islamistischen Terrororganisation Hamas relativiert oder glorifiziert. Online rufen verschiedene Mitglieder muslimischer Gemeinschaften weltweit zum Kampf gegen Jüdinnen und Juden, Israel und die ›zionistische Aggression‹ auf (1).
Die Nutzung von Massenmedien zur Verbreitung von Antisemitismus ist kein Phänomen, das sich erst in der jüngeren Gegenwart entwickelt hätte, sondern hat eine lange Tradition – auch in Region des Nahen Ostens und Nordafrika. Das wird am Beispiel von Amin al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, deutlich. Er gilt als einflussreicher Vordenker des islamischen Antisemitismus und Anführer des arabischen Nationalismus im britischen Mandatsgebiet Palästina. Schon in den 1930er Jahren nutzte er die gängigen Massenmedien, um seine antisemitische Propaganda zu betreiben, die sich von den Inhalten heutiger islamistischer TikTok-Prediger kaum unterscheidet.

In diesem Modul …
- erfahren Sie, wer der Mufti von Jerusalem war,
- lernen Sie seine Rolle für den arabischen Nationalismus kennen und
- erhalten Sie Einblicke, wie er zur massenmedialen Verbreitung des Antisemitismus beitrug.
Am Ende eines jeden Moduls wird auf weiterführende Fachliteratur verwiesen. Ebenso erhalten Sie Handlungsempfehlungen für den Schulalltag und Zugang zu Methoden aus der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit, die Sie direkt im Unterricht einsetzen können.
Quellen
(1) Katharina Köll (2024): Wie Islamisten TikTok nutzen, um Jugendliche zu radikalisieren, online bei wdr.de.
Propaganda durch Massenmedien
Oft wird behauptet, dass bis 1948 die arabische Bevölkerung mit der jüdischen Bevölkerung friedlich zusammengelebt hätte und der Antisemitismus in der arabischen Bevölkerung sich daher nur als eine ›Reaktion‹ auf die Staatsgründung Israels entwickelt hätte.
Im Grundlagenmodul »Was ist ›islamischer Antisemitismus‹« können Sie mehr darüber erfahren, warum diese Annahme historisch nicht korrekt ist.
Schon lange vor der Staatsgründung Israels wurde in der Region antisemitische Propaganda über damals gängige Massenmedien verbreitet – über Flugblätter und Pamphlete, Zeitungen und das Radio.
Historisch ist Mohammed Amin al-Husseini eine zentrale Figur dieser antisemitischen Medienstrategie. Dazu ist es besonders wichtig, zu wissen, dass er während des Zweiten Weltkrieges mit dem nationalsozialistischen Deutschland kooperierte. Mithilfe des zur Auslandspropaganda genutzten Deutschlandsenders Zeesen verbreitete al-Husseini antisemitische Hetzreden auf Türkisch, Arabisch und Persisch in den Nahen und Mittleren Osten.
Wie wurde al-Husseini eine zentrale Figur?
Mohammed Amin al-Husseini wurde 1921 von der britischen Mandatsmacht in Palästina zum Mufti von Jerusalem ernannt und 1922 zum Präsidenten des Obersten Islamischen Rates gewählt – eine Behörde, die für die religiösen Angelegenheiten der muslimischen Bevölkerung zuständig war. In dieser Position wurde al-Husseini religiöser Führer der arabischen Muslime. Er nutzte diese Machtposition, um eigene politische Ziele zu verfolgen (1).

Al-Husseini beanspruchte das gesamte britische Mandatsgebiet Palästina als heiligen Boden des Islams. Er strebte also einen islamischen Staat an, der das heutige Israel und die palästinensischen Gebiete ebenso wie Syrien, Jordanien und den Libanon umfassen sollte. Um diese Vorstellungen durchzusetzen, forderte er die Vertreibung der britischen und jüdischen ›Ungläubigen‹ (2).
Aus dieser Forderung resultierten zwei wichtige historische Ereignisse, durch die sich der islamische Antisemitismus weiter radikalisieren sollte.
Erstens die Pogrome von 1929 und zweitens der arabische Aufstand ab 1936.
Quellen
Zvi Elpeleg/Shmuel Himelstein (1993): The Grand Mufti. Haj Amin Al-Hussaini. Founder of the Palestinian National Movement, London: Routledge, Seite 23.
(2) Isaiah Friedman (2000): Palestine, a Twice-Promised Land? The British, the Arabs & Zionism 1915–1920, New Brunswick: Taylor & Francis Inc., Seite 192.
Die Pogrome von 1929
Um den Plan der ›Vertreibung von Ungläubigen‹ umzusetzen, begann al-Husseini, die muslimische Bevölkerung gegen Jüdinnen und Juden zu mobilisieren. Er behauptete mit der Parole »Al-Aqsa in Gefahr!« etwa, die ›Ungläubigen‹ wollten den Felsendom und die al-Aqsa-Moschee – bedeutende islamische Heiligtümer auf dem Jerusalemer Tempelberg – zerstören (1).
Trotz der historisch gegensätzlichen Fakten, dass die jüdische Führung des Jischuv öffentlich verkündet hatte, dass die religiösen Rechte von Musliminnen und Muslimen auf dem Tempelberg zu achten seien (2), verfolgte al-Husseini seine Vertreibungsstrategie.
Für ihn galt die Anwesenheit jüdischen Lebens in der Nähe der islamischen Heiligtümer als ›Feinderklärung gegen den Islam‹. Er verbreitete gefälschte Fotos, die die ›Pläne der Juden‹ beweisen sollten. Ab 1928 ließ er Jüdinnen und Juden, die an der Westmauer beten wollten, von seinen Anhängern belästigen und intensivierte seine antijüdische Propaganda (3).
Als Jischuv (auch Jischuw, hebräisch יִשּׁוּב Jiššūv, Jischūv, dt.: bewohntes Land, Siedlung) wird die jüdische Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Israel vor der Gründung des Staates 1948 bezeichnet.
Quellen
(1) Nadav Shragai (2012): The ›Al-Aksa Is in Danger‹ Libel. The History of a Lie, online bei jcpa.org.
(2) Matthias Küntzel (2019): Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich, Seite 40.
(3) Klaus Michael Mallmann/Martin Cüppers (2011): Hakenkreuz und Halbmond. Das ›Dritte Reich‹, die Araber und Palästina, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Seite 19f.

Welche Konsequenzen hatte diese Propaganda?

Die Propaganda eskalierte im August 1929 zu Pogromen seitens der muslimischen Bevölkerung (1). In Jerusalem, Jaffa, Hebron, Gaza und Safed wurden Geschäfte geplündert, Häuser in Brand gesetzt und mehrere hundert Jüdinnen und Juden verletzt oder getötet. Die Pogrome wurden von britischen Sicherheitsbehörden niedergeschlagen (2).
Daraufhin organisierte al-Husseini 1931 den internationalen Islamischen Kongress in Jerusalem, auf dem islamisch-nationalistische Ziele formuliert wurden. Vertreter der islamischen Gemeinschaft weltweit waren sich einig darin, dass der ›britische Kolonialismus‹ und die Schaffung eines ›jüdischen Nationalstaates‹ im Mandatsgebiet Palästina bekämpft werden müssten (3).
Quellen
(1) Tilman Tarach (2016): Der ewige Sündenbock. Israel, Heiliger Krieg und die ›Protokolle der Weisen von Zion‹. Über die Scheinheiligkeit des traditionellen Bildes vom Nahostkonflikt, Berlin: Edition Telok, Seite 34f.
(2) Thomas G. Fraser (2021): Contested Lands. A History of the Middle East since the First World War, London: Haus Publishing, Seite 65.
(3) Martin Kramer (1986): Islam Assembled. The Advent of the Muslim Congresses, New York: Columbia University Press, Seite 123–141.
Der arabische Aufstand 1936 bis 1939
Die Ablehnung des ›britischen Kolonialismus‹ und des ›jüdischen Nationalismus‹ auf muslimisch-arabischer Seite verschärfte die Spannungen in der Gesellschaft Palästinas. Einerseits wurde jüdische Zuwanderung abgelehnt, ›die Juden‹ wurden für Verfall von Sitte und Moral (besonders der muslimischen Frauen) verantwortlich gemacht. Und andererseits wurde gewaltsam Druck auf moderate, an Frieden und Kooperation interessierte arabische Kräfte durch die Anhänger des Muftis ausgeübt (1).
Im April 1936 kam es zu Ausschreitungen mit jüdischen Todesopfern und erneut mussten britische Sicherheitsbehörden eingreifen. Der Mufti gründete daraufhin das Arabische Hohe Komitee als politisches Zentralorgan des arabischen Befreiungskampfes. Über dieses rief er zum Generalstreik gegen die Briten und zum bewaffneten Widerstand gegen ›zionistische Siedler‹ – womit alle in Palästina lebenden Jüdinnen und Juden gemeint waren – auf (2).
Um eine Gewalteskalation zu verhindern, legte die britische Mandatsmacht 1937 durch die Peel-Kommission den ersten Teilungsplan für Palästina vor: Ein kleiner jüdischer und ein größerer arabischer Staat sollten geschaffen werden (siehe Karte).
Quellen
(1) Gudrun Krämer (2015): Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel. München: Beck, Seite 296–337.
(2) Zvi Elpeleg/Shmuel Himelstein (1993): The Grand Mufti. Haj Amin Al-Hussaini. Founder of the Palestinian National Movement, London: Routledge, Seite 40–44.

Was vermuten Sie vor dem Hintergrund Ihrer bisherigen Erkenntnisse über die Ideologie des Muftis? Stimmte er als Präsident des Arabischen Hohen Komitees diesem Plan zu?
Folgen des Aufstandes
Da al-Husseini das gesamte Mandatsgebiet Palästina als heiliges islamisches Land einforderte, lehnte er den Plan strikt ab. Es war keine Option für ihn, auf vermeintlich arabischem Boden jüdisches Leben, Kultur und Religion zuzulassen – nicht in einem eigenen Staat, nicht mit Minderheitsrechten und auch nicht unter islamischer Vorherrschaft. Der Terror gegen moderate arabische Kräfte wurde fortgesetzt, bis niemand mehr auf arabischer Seite bereit war, dem Teilungsplan zuzustimmen.
Als Antwort auf den Aufstand sollte al-Husseini verhaftet werden. Er entzog sich dem Haftbefehl, indem er sich zunächst in der Al-Aqsa-Moschee versteckte. Nach der Auflösung des Arabischen Hohen Komitees durch die Briten und dem Entzug seiner Ämter floh al-Husseini 1937 zunächst in den Libanon, 1939 in den Irak und nach seiner Beteiligung an einem gescheiterten Putschversuch antibritischer und mit dem Nationalsozialismus kooperierender Kräfte 1941 weiter nach Berlin (1).
Quellen
(1) Matthias Küntzel (2019): Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin/Leipzig: Hentrich&Hentrich, Seite 53–57.
Kollaboration mit dem Nationalsozialismus
Amin al-Husseini bewunderte den Nationalsozialismus schon seit 1933 (1). Nachdem er 1941 in Berlin angekommen war, traf er sich mit Adolf Hitler und anderen hohen Nationalsozialisten. Trotz seiner Entlassung durch die Briten konnte er sich als Anführer eines nicht geringen Teils des arabischen Nationalismus im Exil behaupten. Er versprach Hitler Unterstützung beim Kampf gegen die Briten in Palästina und Widerstand gegen die dortige Entstehung eines jüdischen Nationalstaates (2).
Ebenso beteiligte sich Amin al-Husseini an der deutschen Vernichtungspolitik gegen Jüdinnen und Juden in- und außerhalb Europas. Er hielt Vorträge und nutzte nationalsozialistische Auslandsradiosender, um antisemitische Propaganda zu verbreiten und zu Pogromen in Palästina aufzurufen (3). Außerdem unternahm er Propagandareisen nach Osteuropa und befasste sich persönlich mit der Ausbildung muslimisch-bosnischer SS-Divisionen, die später Kriegsverbrechen in der Sowjetunion und auf dem Balkan begehen sollten. (4)

Quellen
(1) Matthias Küntzel (2007): Das Erbe des Muftis, in: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums (2007/4), Seite 151 – 158.
(2) David Patterson (2010): A Genealogy of Evil. Anti-Semitism from Nazism to Islamic Jihad, Cambridge: Cambridge University Press, Seite 115.
(3) Jochen Töpfer/Max Friedrich Bergmann (2019): Jerusalem – Berlin – Sarajevo. Eine religionssoziologische Einordnung Amin al-Husseinis, Wiesbaden: Springer VS, Seite 131.
(4) David Motadel (2017): Für Prophet und Führer: Die Islamische Welt und das Dritte Reich, Stuttgart: Klett-Cotta, Seite 308-310.

Sie haben nun einige Informationen über die antisemitische Ideologie al-Husseinis erhalten. Was vermuten Sie vor diesem Hintergrund: welche der folgenden Zitate könnten mit al-Husseini in Verbindung stehen?
Ziehen Sie das Zitat in der Mitte in das richtige Feld.
Die Aussage steht mit al-Husseini in Verbindung.
Das Zitat stammt allerdings ursprünglich von Muslim ibn al-Haddschādsch, dem Verfasser einer der wichtigsten Sammlungen von Hadithen. Er schreibt diesen Spruch dem Propheten Mohammed selbst zu. Der Prophet soll ihn im Zusammenhang einer bevorstehenden endzeitlichen Schlacht zwischen ›den Juden‹ mit ›den Muslimen‹ getätigt haben.
Dieser Hadith war in islamischen Schriften bis zum Erscheinen des Pamphlets Islam und Judentum 1937 kaum bekannt. Es kann nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass dieses Pamphlet von al-Husseini stammt. Da im Vorwort jedoch ein ›angesehener Araber‹ als Autor genannt wird und sich die im Pamphlet verbreitete Notwendigkeit eines globalen, islamischen Kampfes gegen ›die Juden‹ mit seiner Ideologie deckt, ist die Autorenschaft al-Husseinis sehr wahrscheinlich (1).
Dieses Zitat findet sich auch in der Charta der Hamas von 1988 (2). Ideologisch anschlussfähige Inhalte werden seit dem 7. Oktober 2023 auch über soziale Medien wie Instagram oder TikTok verbreitet und erreichen viele Jugendliche.
Quellen
(1) Matthias Küntzel (2019): Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin/Leipzig: Hentrich&Hentrich, Seite 63–66.
(2) Eine deutsche Übersetzung der Charta der Hamas von 1988 und von 2017 mit kritischem Kommentar finden Sie hier.
Die Aussage steht mit al-Husseini in Verbindung.
Sie stammt aus einer Radioansprache von al-Husseini, die er über den nationalsozialistischen Deutschlandsender Zeesen am 14. März 1944 auf Arabisch gehalten hat (1). Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf wertet diesen ›Ruf zu den Waffen‹ – besonders den Aufruf ›Tötet die Juden, wo immer Ihr sie findet‹ – »eindeutig als Aufruf zum Völkermord« (2) und damit als Ausweitung der Shoah den Nahen Osten und Nordafrika.
Quellen
(1) Jeffrey Herf (2010): Hitlers Dschihad. Nationalsozialistische Rundfunkpropaganda für Nordafrika und den Nahen Osten, online bei ifz-muenchen.de, Seite 284.
(2) ebd., Seite 266.
Die Aussage steht nicht mit al-Husseini in Verbindung.
Dieses Zitat stammt von Alfred Rosenberg, dem NSDAP-Partei-Ideologen (1).
Es schließt an die Vorstellung einer ›jüdischen Weltverschwörung‹ an. Jüdinnen und Juden wird vorgeworfen, alteingesessene Völker auszuplündern und mit Gewalt zu zerstören, um sie ihrer Herrschaft zu unterwerfen.
Es besteht kein direkter Zusammenhang mit al-Husseini, aber eine Übereinstimmung mit dessen Ideologie. Auch al-Husseini hatte unter Rückgriff auf die angebliche ›jüdische Weltverschwörung‹ die Lüge verbreitet, ›die Juden‹ würden heiliges islamisches Land besetzen und den Plan verfolgen, islamische Heiligtümer in Jerusalem zu zerstören.
Hier zeigt sich, dass der Antisemitismus eine globale Ideologie ist (2), die an unterschiedliche regionale, religiöse oder kulturelle Traditionen anknüpfen kann und immer in Gewalt – etwa in den Pogromen in Palästina 1929 oder in der Shoah – endet.
Quellen
(1) Alfred Rosenberg (1943): Die Judenfrage im Weltkampf, in: ders.: Tradition und Gegenwart. Reden und Aufsätze 1936-1940, München: Verlag Franz Eher, Seite 208.
(2) Francis R. Nikosia (2012): Zionismus und Antisemitismus im Dritten Reich, Göttingen: Wallstein, Seite 146-194.
Wie wirkt al-Husseinis Propaganda bis heute?
Nach der deutschen Niederlage floh Amin al-Husseini aus Berlin in die Schweiz und wurde dort am 7. Mai 1945 als Kriegsverbrecher festgenommen. Während seiner Auslieferung an Frankreich gelang ihm die Flucht nach Ägypten; dort erhielt er 1946 offiziell Asyl. Von Kairo aus unterstützte seine massenmediale Propagandastrategie nach der Staatsgründung Israels 1948 den palästinensischen Terrorismus gegen Israel. Noch nach seinem Tod beeinflusste al-Husseinis Ideologie des ›heiligen Kriegs gegen die Juden‹ die Formulierung der Charta der islamistischen Terrororganisation Hamas von 1988 (1).
Das Beispiel des Muftis von Jerusalem zeigt, dass die mediale Verbreitung von Antisemitismus eine lange und wirkmächtige Tradition hat. Damals im Radio, heute auf Instagram, Youtube oder TikTok.
Dennoch bleibt die islamistische und antisemitische Propaganda nicht im digitalen Raum. Auf Social Media aktive Influencer treten auch auf antiisraelischen Demonstrationen auf und verbreiten dort Fake News, verkürzte oder verfälschte Darstellungen des Nahostkonflikts. Und sie verbreiten dabei eindeutig antisemitische Ressentiments (2).
Der Podcast Deso – Der Rapper, der zum IS ging zeigt exemplarisch, wie ein ehemaliger Rapper seinen Weg von der Deutschrap‑Szene ins salafistische Milieu und schließlich zur Terrormiliz Islamischer Staat ging (3). Es gibt zudem akademische und pädagogische Ansätze, die sich kritisch mit der Verbindung von Musik und Extremismus auseinandersetzen, etwa das Forschungsprojekt der Universität Bielefeld zu Antisemitismus im deutschsprachigen Gangsta‑Rap (4).
Es bleibt festzuhalten: die Vermittlung von Medienkompetenz ist ein wesentlicher Grundpfeiler der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit. Wenn Sie Schülerinnen und Schüler bei der kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten insbesondere neuer Medien unterstützen, leisten Sie damit auch einen wichtigen Beitrag zur antisemitismuskritischen Bildung und zum Schutz von Jüdinnen und Juden in Ihrem Klassenzimmer.
Der Antisemitismus war damals und ist bis heute auch deshalb so anschlussfähig, weil er komplexe Realitäten auf die einfache Antwort ›der Jude ist Schuld‹ reduziert. Wenn Sie Ihren Schülerinnen und Schülern also zum Beispiel vermitteln, vermeintliche einfache Wahrheiten stets zu hinterfragen, wirken Sie damit präventiv auch gegen Antisemitismus.
Quellen
(1) Matthias Küntzel (2019): Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin/Leipzig: Hentrich&Hentrich, Seite 111-140.
(2) Bundeszentrale für politische Bildung (2024): Monitoring der Peripherie des religiös begründeten Extremismus, online bei bpb.de.
(3) Deso – Der Rapper, der zum IS ging (2022): Podcast, ARD Audiothek / funk, https://www.ardaudiothek.de/sendung/deso-der-rapper-der-zum-is-ging/urn:ard:show:c5f1f4c9c8f3794c/
(4) (4) Universität Bielefeld, Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI): Die Suszeptibilität von Jugendlichen für Antisemitismus im Gangsta Rap und Möglichkeiten der Prävention, online bei uni-bielefeld.de, https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/erziehungswissenschaft/zpi/projekte/antisemitismus-gangsta-rap

Einladung zur vertiefenden Reflexion
Im Folgenden erhalten Sie einige Fragen, mit denen Sie das Gelernte reflektieren können.
Was meinen Sie? Warum spielt Medienkompetenz eine zentrale Rolle in der Prävention von Antisemitismus?
Medienkompetenz geht über technisches Können hinaus. Sie bedeutet die Fähigkeit, Quellen kritisch zu prüfen, manipulative Strategien zu erkennen und Informationen einzuordnen. Im Kontext von Antisemitismus heißt das, die scheinbar einfachen Erklärungen – ›die Juden sind schuld‹ – zu entlarven und ihre Attraktivität für Propaganda zu verstehen. Jugendliche sind zwar digital erfahren, aber nicht automatisch kritisch-reflexiv im Umgang mit Inhalten. Reine Faktenvermittlung reicht daher nicht aus: Was zählt, ist die Fähigkeit, Informationen im Kontext zu bewerten und die Intentionen dahinter zu durchschauen. Lehrkräfte müssen diese gezielt fördern, um Desinformation und antisemitischen Narrativen die Grundlage zu entziehen. So entsteht ein nachhaltiger Schutz, der über bloßes Faktenwissen hinausgeht.
Was denken Sie? Welche didaktischen Vorgehensweisen sind bei der Thematisierung von antisemitischer Propaganda sinnvoll?
Antisemitische Propaganda darf nicht isoliert oder unkommentiert gezeigt werden, da dies ihre Wirkung verstärken könnte. Sie muss konsequent dekonstruiert werden. Entscheidend ist die Einbettung in historische, politische und gesellschaftliche Kontexte, sodass deutlich wird, wie gezielt Feindbilder konstruiert wurden. Der Vergleich mit aktuellen medialen Strategien hilft Schülerinnen, Parallelen zu erkennen und Mechanismen besser zu verstehen. Das Thema darf nicht ausgespart werden – Verdrängung schwächt die Prävention. Stattdessen müssen Lehrkräfte mit sensibler Didaktik Räume schaffen, in denen Schülerinnen lernen, Propaganda kritisch zu deuten.
Ergänzend ist es sinnvoll, den Unterricht immer mit einer klaren Markierung der Quelle einzuleiten, damit von Beginn an kein Zweifel an der propagandistischen Intention bleibt. Auch die gemeinsame Erarbeitung von Gegen-Narrativen kann Schülerinnen und Schüler dabei helfen, ihre eigene Widerstandsfähigkeit gegenüber manipulativen Inhalten zu stärken. Auf diese Weise wird aus der Auseinandersetzung mit Propaganda ein Lernprozess, der kritisches Denken dauerhaft fördert.
Geeignete Methoden sind solche, die Analyse und Reflexion ermöglichen. Bild- und Textquellen eignen sich, um Codes, Sprache und visuelle Strategien zu dechiffrieren. Der Vergleich verschiedener Medienformen verdeutlicht, wie flexibel Propaganda ihre Wirkung entfalten konnte – von Flugblättern zu TikTok-Videos. Ungeeignet sind Methoden, die in Gefahr stehen, antisemitische Inhalte zu reproduzieren oder unreflektiert zu inszenieren. Ziel ist nicht die kreative Wiederholung, sondern die kritische Distanzierung. So bleibt der Fokus auf Aufklärung und Prävention.
Wichtig ist zudem, dass die Auswahl der Materialien altersgerecht erfolgt und inhaltlich dosiert ist: Zu drastische Bilder können abschrecken oder gar Sensationslust wecken. Stattdessen sollten Lehrkräfte auf kurze, aussagekräftige Quellen zurückgreifen, die sich gut analysieren lassen. Methodisch hilfreich ist auch die Arbeit mit Leitfragen, die Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt an eine kritische Entschlüsselung heranführen.
Sie haben das Modul »Der Mufti von Jerusalem« beendet!
Nehmen Sie gerne auch diese praktischen Hinweise zur Kenntnis:
Auf der Seite Aktiv gegen Antisemitismus des AJC Berlin finden Sie Unterrichtsmaterialien und weiterführende Informationen.
Denken Sie daran:
- Mit diesem neu erworbenen Wissen können Sie faktenbasiert gegen Antisemitismus argumentieren.
- Schauen Sie also nicht weg, sondern handeln Sie! Beachten dazu die Handlungsleitlinien Antisemitismus des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
- Antisemitismus ist keine Meinung, sondern eine direkte Bedrohung von Jüdinnen und Juden. Melden Sie antisemitische Vorfälle bei der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS).
- Nehmen Sie bitte auch die Rechtlichen Regelungen im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen in Schulen sowie den Erlass Zusammenarbeit bei der Verhütung und Bekämpfung der Jugendkriminalität zur Kenntnis.
Am 31. Oktober 2018 wurde in Berlin der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. gegründet. Er verfolgt das Ziel, mit Hilfe eines Meldeportals bundesweit eine einheitliche zivilgesellschaftliche Erfassung und Dokumentation antisemitischer Vorfälle zu gewährleisten. Mittlerweile gibt es in fast allen Bundesländern eigene Anlaufstellen.
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Weiterführende Literatur zum Thema
Jeffrey Herf (2009): Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven: Yale University Press.
Martin Cüppers (2025): Arabischer Antisemitismus und die Entstehung des Nahostkonflikts. Der Mufti, frühe deutsch-arabische Kooperationen und die verheerenden Konsequenzen, in: CARS Working Papers #32.
Unterrichtsmaterialien zum Thema
Die Plattform wertebilden.de bietet zahlreiche Unterrichtsmaterialien an. Zum Thema »Umgang der ›islamischen Welt‹ mit dem NS-Regime« finde Sie dort drei Arbeitsblätter (7a, 7b und 7c).
Marcus Meier et al. (2024): Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Grundlagen, Methoden, Übungen, Frankfurt am Main: Wochenschau, Seite 240-242 (»Das Pogrom in Palästina im Spätsommer 1929« – Achtung: passwortgeschützt).