In einer 9. Klasse stellt die Lehrkraft eine Projektwoche zu jüdischen Feiertagen vor. Noch während die Lehrkraft das Projekt erläutert, rufen einige Schülerinnen und Schüler laut: »Juden sind unsere Feinde – das steht auch im Koran!«
Woher kommt die Wahrnehmung, dass Jüdinnen und Juden Feinde des Islams seien – und trifft sie überhaupt zu? Und was können Sie als Lehrkraft tun?
Langfristig sind klare Strukturen auf Schulebene nötig: verbindliche Schutzkonzepte, Fortbildungen zu Antisemitismus, gelebte Kooperation mit externen Partnern wie jüdischen Gemeinden und Fachstellen. Themen wie Israel oder jüdisches Leben dürfen nicht ausgeklammert, sondern müssen reflektiert und kontextsensibel behandelt werden. Nur so lernen Schülerinnen und Schüler, dass kontroverse Themen Teil demokratischer Bildung sind – und dass die Schule ein Ort des Schutzes und der Verantwortung ist.

In diesem Modul …
- erfahren Sie mehr über antijüdische Vorstellungen im Islam,
- erhalten Sie Einblicke in die historische Diskriminierung von Jüdinnen und Juden,
- lernen Sie Wechselwirkungen von islamischer Tradition und modernem Antisemitismus kennen.
Am Ende jedes Moduls wird auf weiterführende Fachliteratur verwiesen. Ebenso erhalten Sie Handlungsempfehlungen für den Schulalltag sowie Zugang zu Methoden aus der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit, die Sie direkt im Unterricht einsetzen können.
Islamischer Antisemitismus in Deutschland
Studien stellen fest, dass Befragte mit Bezügen zu islamisch geprägten Gesellschaften oder aus muslimischen Communities mit der deutschen Gesamtbevölkerung größtenteils identische Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen aufweisen (1).
Die Studie Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft von Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024 kommt darüber hinaus zu dem Schluss, dass erhöhte Zustimmungswerte dann vorliegen, wenn häufig »Moscheen und Gotteshäuser« (2) besucht werden. Es lässt sich also ein Zusammenhang zwischen Antisemitismus und gelebter Religiosität feststellen.
Dieser Zusammenhang ist dann besonders problematisch, wenn islamistische Bewegungen wie Millî Görüş (3), das aus dem Iran gesteuerte und mittlerweile verbotene Islamische Zentrum Hamburg e. V. (4) und andere »[p]olitisierte Islamverbände, die von religiös-autoritären Staaten« (5) beeinflusst werden, auf die religiöse Praxis von muslimischen Communities in Deutschland einwirken.
Der Antisemitismusforscher Matthias Küntzel betont, wie wichtig eine präzise Begrifflichkeit ist, um spezifische Erscheinungsformen des Judenhasses sichtbar zu machen. In diesem Sinne gilt:
»Die Bezeichnung islamischer Antisemitismus bezieht sich weder generell auf den Islam noch pauschal auf Muslime. Stattdessen verweist dieser Begriff auf eine spezifische Ausprägung von Judenhass, die besondere Kennzeichen aufweist, besondere Konsequenzen nach sich zieht und deshalb auch gezielt zu bekämpfen ist – besonders innerhalb der muslimischen Welt.« (6)
Quellen
(1) Einen Überblick über die Ergebnisse von Studien der letzten zehn Jahre bietet Sina Arnold (2023): Antisemitische Einstellungen unter Menschen mit Migrationshintergrund und Muslimen – Ein Studienüberblick, in: Antisemitismus in und aus der Türkei, Berlin: Landeszentrale für politische Bildung, Seite 405-413.
(2) Heiko Beyer, Lars Rensmann, Hanna Brögeler, David Jäger, Carina Schulz (2025): Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft von Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024, online bei www.sozwiss.hhu.de, Seite 5, vgl. Seite 31-39.
(3) Rifat N. Bali (2023): Antisemitismus bei Necmettin Erbakan und Millî Görüş, in: Corry Guttstadt (Hg.): Antisemitismus in und aus der Türkei, Berlin: Landeszentrale für politische Bildung, Seite 127-143.
(4) Bundesministerium für Inneres und Heimat (2024): Bekanntmachung eines Vereinsverbots gegen die Vereinigung Islamisches Zentrum Hamburg e.V. (IZH), online bei bundesanzeiger.de.
(5) Heiko Beyer, Lars Rensmann, Hanna Brögeler, David Jäger, Carina Schulz (2025): Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft von Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024, online bei www.sozwiss.hhu.de, Seite 5.
(6) Küntzel, Matthias (2020): Islamischer Antisemitismus, online bei bpb.de, https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/307771/islamischer-antisemitismus/.
Antisemitismus in islamisch geprägten Gesellschaften heute
Auch in islamisch geprägten Gesellschaften sind – etwa im Nahen Osten sowie in der Türkei – antisemitische Einstellungen vorhanden.
Was denken Sie? Zu wie viel Prozent treffen antisemitische Aussagen (wie ›Juden haben zu viel Einfluss in der internationalen Politik‹ oder ›Juden interessieren sich für niemanden außer sich selbst‹) in den islamisch geprägten Gesellschaften der Türkei, des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrika auf Zustimmung?
Dem Global 100 Index of Antisemitism 2025 der Anti-Defamation League zufolge stimmen 76% der Befragten in den islamisch geprägten Gesellschaften der Türkei, des Nahen und Mittleren Ostens sowie Nordafrikas antisemitischen Aussagen zu.
Die Grafik (rechts) zeigt auf der Basis von repräsentativen Umfragen die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen und antijüdischen Ressentiments unter den Befragten in der Türkei, im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika (1). Die zugrunde liegende Studie der ADL unterteilt die Weltkarte in sieben Regionen, von denen die genannte eine ist.
Die quantitative Datenerhebung wurde in 103 Ländern durchgeführt. Sie misst das Ausmaß antisemitischer Einstellungen anhand von elf Fragen, die die allgemeine Akzeptanz verschiedener negativer Stereotypen über Jüdinnen und Juden betreffen. Befragte, die mindestens sechs der elf Aussagen als ›wahrscheinlich wahr‹ oder ›definitiv wahr‹ bezeichnen, gelten als Personen mit einem erhöhten Maß an antisemitischen Einstellungen.
Die Grafik (rechts) zeigt, dass diese Region sehr hohe Zustimmungswerte zu antisemitischen Stereotypen aufweist. Der Iran weist – trotz starker antisemitischer Staatsideologie – mit 46% Zustimmung die schwächste Ausprägung antisemitischer Einstellungen in dieser Region auf (2).
Wenn in Herkunftsländern antisemitische Einstellungen weit verbreitet sind, kann dies die Übernahme dieser Haltung in den jeweiligen Familien begünstigen. In der Folge können sich diese Einstellungen dann auch in der Schule bei den Schülerinnen und Schülern zeigen.
Quellen
(1) ADL (2025): The ADL Global 100 Index of Antisemitism. Middle East & North Africa, online bei adl.org.
(2) ebd.
Antijüdische Wahrnehmung
Diese ADL-Studie bestätigt, dass es in den islamisch geprägten Gesellschaften der abgebildeten Region hohe Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen gibt. Diese Zustimmung hängt historisch – gemäß der IHRA-Definition des Antisemitismus – mit »bestimmte[n] Wahrnehmung[en] von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrückt« zusammen, die zunächst einmal auf die Zeit des Frühislam zurückgehen (1), dennoch aber auch in der Moderne vertreten sind.
Schon vor, aber auch nach dem 7. Oktober 2023 zeigt sich dieser historische Bezug auf antiisraelischen Demonstrationen. Die etwa in Essen, Münster oder Berlin gerufene Parole »Khaybar, Khaybar, ya yahud! Jaish Muhammad soufa ya’oud!« (dt.: »Khaybar, Khaybar, oh ihr Juden! Die Armee Mohammeds wird zurückkehren!«), nimmt direkt Bezug auf die islamische Tradition und Geschichte.
Die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).
Sie lautet: »Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.«
Die Bundesregierung hat außerdem folgende Erweiterung verabschiedet:
»Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.«
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Quellen
(1) Matthias Küntzel (2019): Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin/Leipzig: Hentrich&Hentrich, Seite 24-30.
Die Parole bezieht sich auf eine Schlacht, bei der der Prophet Mohammed und seine Armee im 7. Jahrhundert die Oase Khaybar erobert und die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner getötet, unterworfen oder vertrieben haben sollen.
Die Erzählung von Mohammeds erfolgreichem Kampf gegen die ›feindseligen Juden‹ in der Schlacht von Khaybar findet sich aber nicht nur auf antiisraelischen Demonstrationen. Sie ist auch Teil der privaten Erziehung und religiösen Bildung von Kindern in muslimischen Familien (1). Um dies besser verstehen zu können, ist es wichtig, historische Hintergründe eines islamisch begründeten Antisemitismus zu kennen, um auch auf gegenwärtige Herausforderungen reagieren zu können.
Quellen
Quellen
(1) Hasnain Kazim (2023): Vielen Muslimen wurde der Antisemitismus schon früh eingetrichtert, online bei deutschlandfunkkultur.de.
Die Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden als ›Minderwertige‹
Diese Erzählung der Unterwerfung der Jüdinnen und Juden sowie Darstellungen von Jüdinnen und Juden als minderwertig in der Auslegung einzelner Verse des Korans förderten eine Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden als schwach, unterlegen und Menschen zweiter Klasse (1). Die eigene Religion wurde im Umkehrschluss als höherwertig erfahren. Dies führte historisch dazu, dass unter der Herrschaft des islamischen Kalifats allen nicht-muslimischen Minderheiten ein rechtlicher Sonderstatus aufgezwungen wurde: der sogenannte ›Dhimmi‹-Status.
Quellen
(1) Mouhanad Khorchide (2025): Ohne Judentum kein Islam. Die verleugnete Quelle, Freiburg/Basel/Wien: Herder, Seite 77.
(2) Matthias Küntzel (2019): Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich, Seite 25.
›Dhimmi‹ bedeutet ›Schutzbefohlener‹. Christliche sowie jüdische Dhimmis durften zwar ihre Religion im Privaten ausleben. Die öffentliche Ausübung war allerdings eingeschränkt. Das Läuten von Glocken, öffentliche Gebete oder Prozessionen waren ebenso verboten wie auffällige Renovierungen von Kirchen und Synagogen. Dhimmis war der Zugang zu Ämtern in Politik, Justiz, Verwaltung und Militär verschlossen. Sie mussten bestimmte Kleidervorschriften einhalten, durften keine Waffen tragen und nur auf Eseln oder Maultieren reiten (1).

Quellen
(1) Nathan Weinstock (2019): Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. 1947-1967, Freiburg: ça ira, Seite 402-412.
Sie haben nun eine Vorstellung erhalten, was ›Dhimmis‹ verboten war. Was denken Sie vor diesem Hintergrund? Treffen die folgenden Aussagen zu oder nicht zu?
Ziehen Sie die Aussage in der Mitte in das richtige Feld.
Diese Aussage trifft nicht zu.
›Dhimmis‹ wurden sogar verpflichtet, eine besondere Steuer, Dschizya, zu zahlen. Sie stellte die Bedingung für das Recht dar, die eigene Religion auszuüben. Darüber hinaus wurden ihnen oft Sonderzölle, Handels- und Berufsverbote auferlegt, die ihre ökonomische Situation noch weiter verschlechterten. Die Dschizya war höher als die Zakat, die verpflichtende religiöse Abgabe für Muslime.
Die Aussage trifft zu.
Außerdem war auch ihr Recht auf Selbstverteidigung eingeschränkt. Potenziell konnten ›Dhimmis‹ sogar dann strafrechtlich belangt werden, wenn sie in Notwehr handelten. Sich gegen Angriffe eines Muslims zu verteidigen, war damit rechtlich riskant.
Regionale Unterschiede
Trotz dieser Diskriminierung war der ›Dhimmi‹-Status nicht überall gleich. Der Umfang seiner Anwendung hing oft von den lokalen Autoritäten ab; ebenso war am gleichen Ort zu verschiedenen Zeiten eine unterschiedliche Praxis möglich. An manchen Orten wurden die Verpflichtungen mit aller Gewalt durchgesetzt, andernorts wurden mehr Freiheiten akzeptiert und Zugeständnisse gemacht (1).
Ungeachtet dessen war die einzige Möglichkeit der rechtlichen Gleichstellung die Konversion zum Islam – selbst in Städten mit einer mehrheitlich jüdischen Bevölkerung wie Safed oder Tiberias. Die Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden als minderwertig führte von der Zeit des Kalifats bis in die Moderne immer wieder zu Gewalt und Pogromen (2). Die Dschizya wurde im Osmanischen Reich teilweise bis ins frühe 20. Jahrhundert praktiziert.
In einigen extremistischen Auslegungen des Islam existiert der Status des ›Dhimmis‹ auch heute noch. In der Islamischen Republik Iran werden jüdische Gemeinden bis jetzt benachteiligt. Und Terrororganisationen wie Al-Qaida oder der Islamische Staat (IS) propagieren offen, den ›Dhimmi‹ erneut in ihrem Einflussbereich durchsetzen zu wollen.
Quellen
(1) Mark R. Cohen (2011): Unter Kreuz und Halbmond. Die Juden im Mittelalter, München: Beck, Seite 68–87.
(2) Nathan Weinstock (2019): Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. 1947-1967, Freiburg: ça ira, Seite 171-204.
Die Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden als ›Feinde Gottes‹
Die Unterwerfung der ›Dhimmis‹ soll bezeugen, dass die gerechte Ordnung der Welt hergestellt wurde und der Islam den alleinigen Anspruch auf Wahrheit innehat (1). Trotz dieses Anspruchs gibt es in der Realität auch in islamisch geprägten Gesellschaften soziale, politische und religiöse Konflikte, die durch das Wirken einer geheimen Macht, also mit Verweis auf etwas außerhalb der gerechten Ordnung des Islams, erklärt werden sollen.
Der Historiker David Nirenberg hat in seiner Forschung gezeigt, dass in einflussreichen Auslegungen des Korans genau diese ›geheime Macht‹ immer wieder mit Jüdinnen und Juden gleichgesetzt wurde. Anders als Christinnen, Christen und andere Nicht-Muslime wurden Jüdinnen und Juden nicht nur als unterlegen, schwach und minderwertig, sondern auch als mächtige Feinde Gottes und der Propheten dargestellt, die immer und überall mit Hinterlist und Täuschung dem Islam schaden wollen (2).
Quellen
(1) David Nirenberg (2015): Antijudaismus. Eine andere Geschichte westlichen Denkens, München: Beck, Seite 168.
(2) ebd., Seite 165 und 186.
Was denken Sie? Welche weiteren ›Attribute‹ werden Jüdinnen und Juden neben Hinterlist und Täuschung im islamischen Antisemitismus zugeschrieben?
Neben klassischen – auch aus der christlichen Bibel bekannten – Vorwürfen von Korruptheit, Eigennutz und Geldgier (1) wird Jüdinnen und Juden zwar zugestanden, zum Islam konvertieren zu können. Zugleich wird ihnen aber auch unterstellt, aufgrund ihres ›ungläubigen Wesens‹ niemals wirklich zur ›wahren Religion‹ des Islam gehören zu können.
Jüdinnen und Juden werden als »Heuchler« (2) bezeichnet, die nur zum Schein konvertieren, um die ›wahren Anhänger Gottes‹ heimlich zu »infizieren« (3) und den Islam von innen heraus zu zerstören – etwa indem sie die Propheten – und damit die Stellvertreter Gottes – heimlich verzaubern oder mit Gift zu töten versuchen (4).
Dafür werden allerdings nicht die zu ›Dhimmis‹ gemachten realen Jüdinnen und Juden, sondern das, was Jüdinnen und Juden zugeschrieben wurde, nämlich Eigenschaften wie Lügen, Neid, Habgier, Verschlagenheit, Materialismus (5)verantwortlich gemacht. Wie schon im christlichen Antijudaismus gibt es auch in der islamischen Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden Ansätze einer verschwörungsideologischen Welterklärung (6), die – wie auch die zuvor angeführten Studien zeigen – immer noch auf Zustimmung treffen.
Quellen
(1) David Nirenberg (2015): Antijudaismus. Eine andere Geschichte westlichen Denkens, München: Beck, Seite 156-158.
(2) ebd., Seite 157.
(3) ebd., Seite 158.
(4) ebd., Seite 166, 167 und 171.
(5) ebd., 158.
(6) Ulrike Becker (2020): Islamischer Antisemitismus, in: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hrsg.): Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus, Jena, Seite 83.
Islamischer und moderner Antisemitismus
Dass der islamischen Tradition antijüdisches Denken nicht fremd ist, bedeutet nicht, dass die koranischen Verse in einem modernen Sinne antisemitisch zu lesen sind (1). Dennoch können diese judenfeindlichen Darstellungen heute – gefördert durch einen neuen arabischen Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg – erfolgreich an moderne europäische Verschwörungsideologien ›andocken‹ (2). Auch in Verschwörungsideologien besteht die Vorstellung eines ›im geheimen agierenden Feindes‹, der im Hintergrund die Fäden der Macht zieht. Dabei spielt die Vorstellung von Jüdinnen und Juden als ›Agenten der Moderne‹, die mit Kapitalismus, westlichem Liberalismus und Individualismus – also modernen Vorstellungen – assoziiert werden, ebenso eine Rolle wie die Ablehnung des Zionismus als jüdischer Nationalbewegung.
Besonders die Muslimbruderschaft und Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem, verbreiteten diese Verbindung von antijüdischer Tradition im Islam und europäischem Antisemitismus im Britischen Mandatsgebiet Palästina. In den 1950er Jahren griff der islamistische Ideologe Sayyid Qutb diese Ideologie auf und erklärte einen globalen Kampf der Muslime gegen Jüdinnen und Juden für notwendig (3).
Bis heute beeinflusst daher der islamische Antisemitismus säkulare Organisationen wie die PLO (Palestine Liberation Organization, dt. Palästinensische Befreiungsorganisation) und islamistische Terrororganisationen wie die Hamas und die Hisbollah. Mit diesem Antisemitismus begründen sie ihren Kampf gegen den jüdischen Staat.
Quellen
(1) Mouhanad Khorchide (2025): Ohne Judentum kein Islam. Die verleugnete Quelle. Freiburg/Basel/Wien: Herder, Seite 149.
(2) Ulrike Becker (2020): Islamischer Antisemitismus, in: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hrsg.): Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Antisemitismus, Jena, Seite 83.
(3) David Motadel (2017): Für Führer und Prophet. Die islamische Welt und das Dritte Reich, Stuttgart: Klett-Cotta.

Einladung zur vertiefenden Reflexion
Im Folgenden erhalten Sie einige Fragen, mit denen Sie das Gelernte reflektieren können.
Erinnern Sie sich an die Einstiegsszene:
In einer 9. Klasse stellt die Lehrkraft eine Projektwoche zu jüdischen Feiertagen vor. Noch während die Lehrkraft das Projekt erläutert, rufen einige Schülerinnen und Schüler laut: »Juden sind unsere Feinde – das steht auch im Koran!«
Was können Sie als Lehrkraft grundsätzlich in dieser Situation tun, um möglicherweise anwesende jüdische Schülerinnen und Schüler zu unterstützen und zu schützen?
Der Schutz jüdischer Schülerinnen und Schüler hat oberste Priorität. Auch wenn eine Lehrkraft nicht gesichert weiß, ob jüdische Schülerinnen und Schüler anwesend sind, sollte sie so handeln, als sei dies der Fall. Dies bedeutet auch, dass die Lehrkraft, ohne auf Einzelpersonen einzugehen, aktiv ihre Unterstützung für jüdische Schülerinnen und Schüler äußert. Auf diese Weise binden Lehrkräfte wirkungsvoll eine jüdische Perspektive in ihr Verhaltensreservoir ein. Grundsätzlich gilt: Jüdische Schülerinnen und Schüler dürfen niemals in die Rolle der »Erklärenden« gedrängt werden – ob sie sich als jüdisch zu erkennen geben möchten, muss allein ihre Entscheidung sein.
In der beschriebenen Szene steht die Lehrkraft in einer emotional hoch aufgeladenen Situation, die schnelle, aber reflektierte Reaktionen erfordert. Ein antisemitischer Ausruf darf nicht übergangen oder relativiert werden – weder aus Angst vor Konflikten noch aus falsch verstandener Rücksichtnahme. Schweigen signalisiert Zustimmung und gefährdet das Vertrauen der betroffenen jüdischen Schülerin ebenso wie das demokratische Selbstverständnis der Schule. Die Lehrkraft sollte den Satz daher unmissverständlich zurückweisen, dabei aber ruhig und sachlich bleiben: etwa durch Formulierungen wie »Diese Aussage ist antisemitisch und widerspricht unseren Werten von Respekt und Menschenwürde.«
Gleichzeitig ist wichtig, dass die Lehrkraft den Vorfall pädagogisch aufarbeitet, anstatt ihn nur zu sanktionieren. Sie kann die Situation nutzen, um im Dialog zu klären, wie religiöse Texte missverstanden oder missbraucht werden können, und dass keine Religion Feindschaft oder Hass rechtfertigt. Dadurch wird religiöse Bildung zu einem Werkzeug gegen Antisemitismus.
Wie kann eine Lehrkraft den Vorfall im Nachgang in der Klasse aufarbeiten, ohne Stigmatisierung oder Schweigen zu fördern?
Nach einem antisemitischen Vorfall ist die Reaktion der Lehrkraft entscheidend für das Klassenklima. Schweigen aus Angst, die Situation zu verschärfen, signalisiert Akzeptanz oder Verdrängung und lässt Betroffene allein. Gleichzeitig kann ein unreflektiertes Thematisieren dazu führen, dass einzelne Schülerinnen und Schüler oder Gruppen stigmatisiert werden. Die Lehrkraft sollte daher einen pädagogisch kontrollierten Gesprächsrahmen schaffen – etwa in einer Klassendiskussion oder im Ethik- bzw. Religionsunterricht – in dem Vorurteile und Missverständnisse offen, aber respektvoll besprochen werden.
Ein sinnvoller Zugang besteht darin, über die Bedeutung von Sprache, religiösen Quellen und historischen Kontexten zu arbeiten: Was wird wirklich in den schriftlichen oder mündlichen Quellen des Islam vermittelt? Wie wird Antisemitismus religiös begründet und wie lässt sich dem theologisch widersprechen? Dadurch können Lernende erkennen, dass religiöse Identität nicht mit Feindbildern gleichzusetzen ist. Ebenso wichtig ist, muslimische Schülerinnen und Schüler nicht als »Problemgruppe« zu behandeln, sondern sie aktiv einzubeziehen – z. B. indem positive Beispiele interreligiöser Solidarität thematisiert werden.
Die Lehrkraft kann zudem externe Expertise hinzuziehen, um unterschiedliche Perspektiven einzubringen. So wird die Situation nicht als Störung, sondern als Lernanlass begriffen. Der Unterricht wird damit zum Ort der Klärung, Reflexion und Empathie – nicht der Schuldzuweisung.
Was meinen Sie? Wie sollte die Schule nach einem antisemitischen Vorfall verantwortungsvoll reagieren?
Nach einem antisemitischen Vorfall ist eine offene, transparente und wertorientierte Kommunikation der Schule entscheidend. Schweigen oder Verharmlosen – etwa aus Sorge um den Ruf der Schule – sendet das falsche Signal, dass Antisemitismus ein Tabuthema sei oder keine Konsequenzen habe. Stattdessen sollte die Schule klar kommunizieren: Antisemitismus, in welcher Form auch immer, widerspricht den Grundwerten der Schulgemeinschaft. Dabei gilt es, einen sensiblen Ton zu wahren – die betroffenen Schülerinnen und Schüler zu schützen und gleichzeitig zu vermeiden, dass bestimmte Gruppen (z. B. muslimische Schülerinnen und Schüler) pauschal verantwortlich gemacht werden.
Elternarbeit bedeutet in solchen Fällen, Verantwortung statt Schuld in den Mittelpunkt zu stellen. Gespräche mit den Eltern der beteiligten Kinder sollten ruhig, respektvoll und lösungsorientiert geführt werden. Es geht nicht um Strafe, sondern um Bewusstmachung, pädagogische Begleitung und Haltung. Die Schulleitung sollte außerdem das Kollegium informieren, um einheitliches Handeln sicherzustellen – alle Lehrkräfte müssen wissen, welche Maßnahmen gelten und wie mit möglichen Nachwirkungen in der Klasse umzugehen ist.
Eine proaktive Öffentlichkeitsarbeit kann sinnvoll sein, wenn der Vorfall schulöffentlich bekannt geworden ist. Hier sollte die Schule deutlich machen, dass sie entschieden gegen Antisemitismus auftritt, pädagogische Prävention betreibt und ihre Schulgemeinschaft stärkt. Die Zusammenarbeit mit Fachstellen, der jüdischen Gemeinde oder Demokratieprojekten signalisiert Verantwortungsbewusstsein und Kompetenz.
Ziel ist eine Kultur der Haltung und Transparenz: Die Schule steht offen zu ihren Werten, schützt Betroffene und zeigt zugleich, dass sie Konflikte nicht verschweigt, sondern professionell bearbeitet. So wird sie glaubwürdig und stärkt das Vertrauen von Eltern, Schülerinnen und Schüler und der Öffentlichkeit gleichermaßen.
Sie haben das Modul »Was ist ›islamischer Antisemitismus‹« beendet!
Nehmen Sie gerne auch diese praktischen Hinweise zur Kenntnis:
Gerade islamistische und völkisch-rechtsextreme Akteure ignorieren die Vielfältigkeit islamischer Gemeinschaften. Auch hier lassen sich historische Belege für Solidarität mit Jüdinnen und Juden finden, etwa während der Zeit des deutschen Nationalsozialismus. Auf der Seite Aktiv gegen Antisemitismus des AJC Berlin finden Sie unter Widerstand gegen den Nationalsozialismus ein Arbeitsblatt (8c) zur Rettung von Jüdinnen und Juden im muslimisch geprägten Albanien.
Bislang wurden 75 Albanerinnen und Albaner als Gerechte unter den Völkern geehrt, also Menschen, die während der Shoah Jüdinnen und Juden geholfen haben. Auf yadvashem.org können Sie – auch gemeinsam mit Ihren Schülerinnen und Schülern – zu Menschen aus Europa und Nordafrika recherchieren, die als Gerechte unter den Völkern geehrt wurden.
Denken Sie daran:
- Mit diesem neu erworbenen Wissen können Sie faktenbasiert gegen Antisemitismus argumentieren.
- Schauen Sie also nicht weg, sondern handeln Sie! Beachten dazu die Handlungsleitlinien Antisemitismus des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
- Antisemitismus ist keine Meinung, sondern eine direkte Bedrohung von Jüdinnen und Juden. Melden Sie antisemitische Vorfälle bei der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS).
- Nehmen Sie bitte auch die Rechtlichen Regelungen im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen in Schulen sowie den Erlass Zusammenarbeit bei der Verhütung und Bekämpfung der Jugendkriminalität zur Kenntnis.
Am 31. Oktober 2018 wurde in Berlin der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. gegründet. Er verfolgt das Ziel, mit Hilfe eines Meldeportals bundesweit eine einheitliche zivilgesellschaftliche Erfassung und Dokumentation antisemitischer Vorfälle zu gewährleisten. Mittlerweile gibt es in fast allen Bundesländern eigene Anlaufstellen.
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Weiterführende Literatur zum Thema
Unterrichtsmaterialien zum Thema
Marcus Meier et al. (2024): Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Grundlagen, Methoden, Übungen, Frankfurt am Main: Wochenschau, Seite 245-265 (Methode 21: »Das hat (nichts) mit dem Islam zu tun!« und Methode 22: »Gefährliche Legierung: Islamistischer Antisemitismus« – Achtung: passwortgeschützt).