Antisemitismus
und National-
sozialismus

Die Lehrerin betritt den Klassenraum und kündigt das Thema der nächsten Doppelstunden an: »Heute sprechen wir über den Holocaust!« Ein hörbares Seufzen geht durch die Reihen: »Schon wieder Holocaust?«. Diese Reaktion ist in der schulischen Praxis keine Seltenheit. Sie verweist scheinbar auf eine Übersättigung des Unterrichts zu den Themen ›Nationalsozialismus‹ und ›Holocaust‹. Wenn dem so wäre, müssten umfangreiche Kenntnisse über diese Themen vorliegen.

Doch aktuelle Studien – etwa der Jewish Claims Conference (1) – zeigen, dass dieser Eindruck täuscht: Rund 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wissen nicht, dass in der Shoah etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden; fast die Hälfte der 14- bis 16-Jährigen kann den Begriff ›Auschwitz‹ nicht einordnen.

Die eingangs geschilderte Szene verdeutlicht daher weniger ein Übermaß an Erinnerung als vielmehr unzureichendes Wissen und Bewusstsein über die Relevanz des Nationalsozialismus für die Gegenwart. Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass der Nationalsozialismus keine abgeschlossene Episode der Geschichte ist, sondern in Einstellungen, Denkmustern und Formen des Antisemitismus fortwirkt, bleibt eine zentrale pädagogische Aufgabe.

 

Bereits vor Kriegsbeginn erklärte Hitler am 30. Januar 1939 in einer zynischen Täter-Opfer-Umkehr vor dem Reichstag: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis […] die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa [sein].«

In diesem Modul …

  1. lernen Sie die Rolle des Antisemitismus in der nationalsozialistischen Ideologie kennen,
  2. erfahren Sie, wie sich der Antisemitismus auch nach 1945 fortsetzt und
  3. erhalten Sie Hinweise, wie Sie mit Abwehr und Verdrängung des Themas im Unterricht umgehen können.

Am Ende eines jeden Moduls wird auf weiterführende Fachliteratur verwiesen. Ebenso erhalten Sie Handlungsempfehlungen für den Schulalltag und Zugang zu Methoden aus der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit, die Sie direkt im Unterricht einsetzen können.

Quellen

(1) Jewish Claims Conference (2025): The First-Ever 8-Country Holocaust Knowledge And Awareness Index Shows Growing Gap In Knowledge About The Holocaust, Especially In Young Adults, online bei claimscon.org.

Antisemitismus als Kernelement der nationalsozialistischen Ideologie

Obwohl die deutschen Truppen im Frühjahr 1944 bereits auf dem Rückzug waren, wurde Adolf Eichmann mit der ›Endlösung der Judenfrage‹ in Ungarn beauftragt. Innerhalb weniger Wochen organisierte sein Sonderkommando die Deportation von über 500.000 ungarischen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager.

Es stellt sich die Frage, warum die Nationalsozialisten selbst im Angesicht der militärischen Niederlage noch enorme Ressourcen in die Vernichtung investierten (1). Die Antwort liegt in der Ideologie: Der Antisemitismus war der Kern der nationalsozialistischen Ideologie (2).

Quellen

(1) Peter Hayes (2017): Warum? Eine Geschichte des Holocaust, Frankfurt am Main/New York: Campus.

(2) Moishe Postone (1979): Antisemitismus und Nationalsozialismus, in: ders. (2005): Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg: ça ira, Seite 176.

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Was denken Sie? Warum wurde selbst in den letzten Kriegsjahren noch in die Vernichtung der Jüdinnen und Juden investiert?

 

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Vernichtung und Erlösung

Wie schon im völkischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts diente der Antisemitismus im nationalsozialistischen Denken als umfassende Welterklärung: ›Die Juden‹ werden für alles Unglück der Welt verantwortlich gemacht, ihre Vernichtung sollte die ›Erlösung‹ der Deutschen bringen (1).

In dieser Ideologie verbanden sich also ein Vernichtungsantisemitismus (2) mit einem Erlösungsantisemitismus (3). Die totale Vernichtung wurde als ›heilige Pflicht‹ zur Rettung der deutschen Volksgemeinschaft stilisiert und sei deshalb von höchster Priorität (4).

 

Das wird in der Posener Rede Heinrich Himmlers vom 4. Oktober 1943 besonders deutlich. Darin bezeichnete der ›Reichsführer SS‹ die Vernichtung als »Pflicht gegenüber unserem Volk« und sprach von »Anständigkeit« in der Durchführung.

 

Quellen

(1)Theodor W. Adorno/Max Horkheimer (1947): Elemente des Antisemitismus, in: Gunzelin Schmidt Noerr (Hrsg): Gesammelte Schriften Band 5, Frankfurt am Main: Fischer 2014, Seite 197.

(2) Daniel Goldhagen (1996): Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin: Siedler, Seite 71.

(3) Friedländer, Saul (1998): Das Dritte Reich und die Juden Bd. 1. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939, München: Beck, Seite 101.

(4) Claus-Ekkehard Bärsch (2002): Die politische Religion des Nationalsozialismus, München: Fink, Seite 321-382.

Nationalsozialistischer Antizionismus

Die Vorstellung von Vernichtung und Erlösung hängt eng mit dem Antizionismus, also der Ablehnung der jüdischen Nationalbewegung, zusammen. Dieser war schon vor der Gründung Israels im Jahr 1948 zentral für antisemitische Ideologien. Dies wird in Adolf Hitlers bekannter Rede Warum wir Antisemiten sind von 1920 ebenso deutlich wie in Alfred Rosenbergs 1938 erschienenem Buch Der staatsfeindliche Zionismus. Beide Formate behaupten, dass ›die Juden‹ aus ›Gründen rassischer Minderwertigkeit‹ unfähig seien, einen Staat aufzubauen.

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Was denken Sie? Was war das zentrale Ziel des nationalsozialistischen Antizionismus?

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Vernichtung statt Vertreibung

Mit dem nationalsozialistischen Antizionismus geht die antisemitische Vorstellung einher, ›die Juden‹ würden sich in anderen Völker ›einnisten‹ und sie von innen heraus zerstören.

Um diese Zerstörung der eigenen Volksgemeinschaft zu verhindern, reichte in der nationalsozialistischen Ideologie die Vertreibung nicht aus. Vorschläge wie der Madagaskar-Plan oder die Förderung jüdischer Auswanderung nach Palästina dienten nur der Tarnung der antisemitischen Erlösungsvorstellung (1).

In der nationalsozialistischen Ideologie war die Ablehnung eines jüdischen Nationalstaates konsequent. Eine solche Vorstellung von Erlösung durch totale Vernichtung kann jüdische Existenz nicht dulden – nicht in Deutschland, nicht in einem eigenen Staat, nirgendwo auf der Welt. Vernichtungswahn, Erlösungsvorstellung und Antizionismus bilden ein geschlossenes ideologisches System.

 

Quellen

(1) Götz Aly (1998): ›Judenumsiedlung‹. Überlegungen zur politischen Vorgeschichte des Holocaust, in: Ulrich Herbert (Hrsg.):Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939–1945. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt am Main: Fischer 67-97.

Was wussten die Deutschen?

 

Himmler hatte in seiner ›Posener Rede‹ betont, dass es sich bei der Vernichtung um ein »niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte« handeln würde. Das deutet darauf hin, dass die Shoah zu vertuschen und vor der Weltöffentlichkeit geheimzuhalten versucht wurde. Daraus wurde oft geschlossen, dass auch die deutsche Öffentlichkeit ›von nichts gewusst‹ habe (1).

Tatsächlich fanden die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden bereits seit 1933 öffentlich statt: Antisemitische Propaganda war allgegenwärtig, Konzerne und Einzelpersonen profitierten von Enteignung, jüdische Nachbarinnen und Nachbarn verschwanden ›plötzlich‹ und mehr als 1000 Konzentrationslager entstanden auf dem ganzen Gebiet des Deutschen Reiches. Darüber hinaus informierten auch Millionen Soldaten der Wehrmacht ihre Angehörigen in der Heimat über ihre Verbrechen (2).

Quellen

(1) Peter Longerich (2006): Davon haben wir nichts gewusst! Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945, München: Siedler.

(2) Götz Aly (2025): Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945, Frankfurt am Main: Fischer, Seite 503-538.

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Die Verbrechen des Nationalsozialismus waren also keineswegs verborgen (1). Ein großer Teil der Bevölkerung widersprach nicht, sondern unterstützte die nationalsozialistische Politik – sei es durch stillschweigende Zustimmung, durch Denunziationen oder durch Mitarbeit in nationalsozialistischen Organisationen und der Kriegswirtschaft (2). Der Nationalsozialismus war somit nicht nur eine Gewaltherrschaft, sondern nach innen vor allem eine »Zustimmungsdiktatur« (3).

Quellen

(1) Robert Galletely (2004): Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk, München: DTV, Seite 210.

(2) Götz Aly (2005): Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main: Fischer, Seite 35–39.

(3) Frank Bajohr (2005): Die Zustimmungsdiktatur. Grundzüge nationalsozialistischer Herrschaft in Hamburg. In: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hrsg.): Hamburg im ›Dritten Reich‹, Göttingen: Wallstein, Seite 69–121.

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Dass die Bevölkerung breitflächig der nationalsozialistischen Herrschaft zustimmte, wird in der öffentlichen Debatte oft übersehen. Was vermuten Sie vor diesem Hintergrund: Wie hoch war der Anteil derjenigen, die potenziellen Opfern des Nationalsozialismus geholfen haben? 

 

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»Den gängigen Schätzungen zufolge liegt der Anteil derjenigen, die potenziellen NS-Opfern geholfen haben, bei 0,3 Prozent, was etwa 200.000 Menschen entspricht.« (1)

 

Quellen

(1) Christoph David Piorkowski (2020): Antisemitismus und Erinnerungskultur, online bei tagesspiegel.de.

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Was denken Sie vor diesem Hintergrund: Wie viel Prozent der Deutschen sind heute der Auffassung, dass ihre Vorfahren während der Zeit des Nationalsozialismus potentiellen Opfern geholfen haben?

 

 

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28,7% aller in der Studie Multidimensionaler Erinnerungsmonitor von 2019 Befragten geben an, dass ihre Vorfahren potenziellen Opfern des Nationalsozialismus geholfen haben (1).

 

 

Die enorme Diskrepanz zwischen tatsächlichen Helferinnen und Helfern und denjenigen, die heute davon überzeugt sind, dass ihre Vorfahren Opfern geholfen hätten, zeigt, wie sehr sich das Selbstbild vieler Menschen von der historischen Realität unterscheidet. Während tatsächliche Hilfe für Verfolgte selten und oft lebensgefährlich war, spiegelt die heutige Einschätzung bezüglich der eigenen Vorfahren eher den Wunsch wider, dass diese auf der ›richtigen Seite der Geschichte‹ gestanden haben (mögen) – ein Ausdruck nachträglicher moralischer Distanzierung, aber auch ein Mangel an Reflexion über das »Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie« (2).

 

Quellen

(1) Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung/Erinnerung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (2012): MEMO. Multidimensionaler Erinnerungsmonitor Studie II, online bei stiftung-evz.de, Seite 14.

(2) Theodor W. Adorno (1959): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Gesammelte Schriften Band 10.2, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, Seite 555.

›Nachleben des Nationalsozialismus‹

Nach 1945 prägte Verdrängung den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Verbrechen sowie die Zustimmung zu und Beteiligung an ihnen wurden verschwiegen, verharmlost oder geleugnet. Neben Schuldgefühlen und der Angst vor Bestrafung spielte auch der Verlust Hitlers als Identifikationsfigur eine Rolle.

Viele Deutsche hatten ihr Selbstbild und ihre Vorstellungen von Recht und Moral an die nationalsozialistische Ideologie angepasst. Mit dem Tod des ›Führers‹ und der militärischen Niederlage brach diese Identifikation weg – eine Leerstelle, die Abwehr und Orientierungslosigkeit begünstigte (1).

Die Niederlage führte zudem dazu, dass Trauer und Empathie für die Opfer weitgehend ausblieben. Verdrängt wurden nicht nur historische Tatsachen, sondern auch die damit verbundenen Gefühle – mit Auswirkungen auf nachfolgende Generationen (2). Hinzu kam, dass zahlreiche nationalsozialistische Funktionäre nach Kriegsende ihre Tätigkeiten in Verwaltung, Wirtschaft oder Politik fortsetzen konnten (3), was die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit weiter erschwerte.

In Kombination erzeugten diese Faktoren eine Nach­kriegsrealität, in der zwar formell ein Bruch symbolisiert wurde, faktisch aber viele Kontinuitäten wirkten: Überlebende Strukturen und Beteiligte blieben einflussreich, wodurch eine Reflexion über Schuld, Verantwortung und Erinnerung lange unterblieb.

Quellen

(1) Theodor W. Adorno (1959): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Gesammelte Schriften Band 10.2, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, Seite 556.

(2) Alexander und Magarete Mitscherlich (1967): Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens München: Pieper. Hören Sie sich zu diesem Thema auch gerne auch den Podcast Margarete Mitscherlich über »Die Unfähigkeit zu trauern«in der ARD-Audiothek an.

(3) Sylvia Veit (2024): Politisch-administrative Eliten in Deutschland, Berlin: Gebr. Mann Verlag.

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Diese ›Gefühlserbschaften‹ führen in vielen Familien zur Umdeutung oder Heroisierung eigener Angehöriger. Viele Nachkommen wollen ihre Familie von Schuld freisprechen: »Opa war kein Nazi« (1), denn das Gegenteil anzuerkennen wäre schmerzhaft.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bedeutet daher nicht nur, sich mit historischen Fakten zu befassen, sondern auch mit den psychischen Abwehrmechanismen, die diese Beschäftigung erschweren.

Für die Antisemitismusprävention ist es zentral, diese psychodynamischen Prozesse mitzudenken. Die Thematisierung des Nationalsozialismus im Unterricht ist nie rein kognitiv, sondern stets eine emotionale Herausforderung – für Lehrende ebenso wie für Lernende.

 

Quellen

(1) Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall (2014): »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main: Fischer.

Einladung zur vertiefenden Reflexion

 

Im Folgenden erhalten Sie einige Fragen, mit denen Sie das Gelernte reflektieren können.

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Wie können Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler motivieren, sich mit dem Nationalsozialismus und der Shoah auseinanderzusetzen, obwohl viele sagen: »Das Thema hatten wir doch schon so oft«?

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Wenn Schülerinnen und Schüler sagen, »das hatten wir schon oft«, kann das ein Gefühl der Übersättigung ausdrücken, oft steckt jedoch Abwehr dahinter. Solche Abwehrhaltungen können psychologisch und familiär bedingt sein: Viele Jugendliche wachsen mit Erzählungen der Entlastung (»Opa war kein Nazi«) oder einem unterschwelligen Unbehagen gegenüber dem Thema auf. Auch gesellschaftliche Diskurse, die ›Schlussstriche‹ fordern oder Erinnerung als moralische Belehrung wahrnehmen, tragen dazu bei. Diese Haltung spiegelt weniger mangelndes Interesse als vielmehr das Bedürfnis, sich vor den emotionalen Zumutungen der Geschichte zu schützen.

Lehrkräfte können dem entgegenwirken, indem sie biografische, emotionale und kreative Lernformen einsetzen – z. B. durch Begegnungen mit Zeitzeugnissen, Arbeit an regionalen Erinnerungsorten oder Schülerprojekte zu Familiengeschichten.

Solche persönlich erfahrbaren Lernsettings fördern Empathie und Eigenverantwortung, da Schülerinnen und Schüler sich als Teil einer lebendigen Erinnerungskultur wahrnehmen. Dabei spielt die emotionale Dimension des Lernens eine zentrale Rolle: Sie ermöglicht es, historische Gewalt- und Verfolgungserfahrungen nicht nur kognitiv, sondern auch menschlich zu begreifen – als Erfahrung von Leid, Verlust und moralischer Verantwortung.

Besonders wirksam ist die Verknüpfung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen – etwa Demokratiefeindlichkeit, Rassismus oder Antisemitismus heute. Wenn Lernende erkennen, dass der Holocaust nicht nur ein historisches, sondern ein moralisch-gesellschaftliches Schlüsselthema bleibt, entsteht Motivation aus Relevanz.

Entscheidend ist die Haltung der Lehrkraft: nicht Belehrung, sondern Neugier, Offenheit und dialogisches Lernen schaffen ein Klima, in dem Schülerinnen und Schüler sich ernst genommen fühlen – und bereit sind, Geschichte neu zu denken.

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Wie können Sie als Lehrkraft reagieren, wenn in Ihrem Unterricht die Behauptung fällt: »Die Deutschen haben von nichts gewusst«?

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Wenn Schülerinnen und Schüler behaupten, »die Deutschen hätten nichts gewusst«, spiegelt das häufig familiäre Narrative oder populäre Missverständnisse über den Nationalsozialismus wider. Lehrkräfte sollten diese Aussage nicht vorschnell abwerten, sondern als pädagogische Einstiegssituation nutzen, um die Prozesse von Verdrängung, Mitwissen und Verantwortung zu reflektieren. Durch die Arbeit mit Quellen – etwa Auszüge aus Robert Gellatelys Studie Hingeschaut und weggesehen, Zeitungsausschnitte, Fotos von KZs in Wohnortnähe oder Zeitzeugenberichte – kann sichtbar gemacht werden, dass der Holocaust keineswegs geheim blieb, sondern im Alltag vieler Menschen präsent war.

Eine forschend-entdeckende Lernhaltung (z. B. durch die Frage »Was wussten Nachbarn, Soldaten, Lehrer damals?«) aktiviert die Schülerinnen und Schüler, selbst kritisch zu prüfen, wie historische Narrative entstehen. Lehrkräfte können zudem auf die Rolle familiärer Erinnerung eingehen (»Was wurde in unseren Familien erzählt – oder verschwiegen?«), um den Bezug zur Gegenwart herzustellen.

Wichtig ist, dass die Lehrkraft sachlich, aber klar Haltung zeigt: Die These vom Nichtwissen diente nach 1945 häufig der Selbstentlastung und steht im Widerspruch zur historischen Forschung. Wenn Schülerinnen und Schülern erleben, dass Geschichte nicht zur Schuldzuweisung, sondern zur kritischen Selbstvergewisserung dient, fördert das ein reflektiertes, empathisches und verantwortungsbewusstes Geschichtsbewusstsein.

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Beurteilen Sie, wie Lehrkräfte mit der Neutralitätspflicht im Unterricht umgehen sollten, wenn es um antisemitische Aussagen oder Relativierungen des Nationalsozialismus geht.

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Neutralitätspflicht darf nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Antisemitismus ist keine Meinung, sondern menschenfeindlich und demokratiewidrig. Lehrkräfte haben die Verantwortunghier klar Stellung zu beziehen, ohne ihre Autorität parteipolitisch zu missbrauchen. Eine deutliche Positionierung vermittelt Schülerinnen und Schülern, dass Schule ein Schutzraum ist, in dem Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit keinen Platz haben. Gerade diese Haltung schafft Vertrauen und verdeutlicht, dass Demokratie auf der Abwehr menschenfeindlicher Ideologien beruht.

Zusätzlich wird so auch der Bildungsauftrag der Schule umgesetzt, der ausdrücklich auf die Werte des Grundgesetzes verpflichtet. Zeigen Sie klare Haltung: Damit stärken Sie nicht nur die Betroffenen, sondern fördern auch demokratische Resilienz in der gesamten Lerngruppe. Damit wird Neutralität im besten Sinne als Verpflichtung zur Menschenwürde interpretiert.

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Nehmen Sie gerne auch diese praktischen Hinweise zur Kenntnis:

 

Testen Sie hier Ihr Wissen: ›Richtig oder falsch? Zehn Behauptungen zum Nationalsozialismus‹.

Der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster bietet eine Online-Anleitung NS-Familiengeschichte in 7 Schritten recherchieren an.

 

Denken Sie daran:

  1. Mit diesem neu erworbenen Wissen können Sie faktenbasiert gegen Antisemitismus argumentieren.
  2. Schauen Sie also nicht weg, sondern handeln Sie! Beachten Sie dazu die Handlungsleitlinien Antisemitismus des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
  3. Antisemitismus ist keine Meinung, sondern eine direkte Bedrohung von Jüdinnen und Juden. Melden Sie antisemitische Vorfälle bei der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS).
  4. Nehmen Sie bitte auch die Rechtlichen Regelungen im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen in Schulen sowie den Erlass Zusammenarbeit bei der Verhütung und Bekämpfung der Jugendkriminalität zur Kenntnis.

 

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Weiterführende Literatur zum Thema

Michael Wildt (2022): Zerborstene Zeit. Deutsche Geschichte 1918-1933, München: C. H. Beck.

Peter Longerich (2021): Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte, München: Siedler.

Stephan Lehnstaedt (2017): Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt, München: C. H. Beck.

Detlef Schmiechen-Ackermann (Hrsg., 2012) ›Volksgemeinschaft‹. Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im ›Dritten Reich‹? Zwischenbilanz einer kontroversen Debatte, Paderborn/München/Wien: Schöningh.

 

Unterrichtsmaterialien zum Thema

Die internationale Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem/Israel stellt umfassendes Bildungsmaterial für alle Jahrgangsstufen zur Verfügung. Zur Auseinandersetzung mit der Shoah (und insbesondere dem ›Kugelholocaust‹) und dem Umgang von Täterinnen, Tätern und Opfern nach 1945 ist das Material Entscheiden und Handeln über das Massaker in Bialystok am 27. Juni 1941 und seine Auswirkungen nach 1945 sehr zu empfehlen.