Eine Schülerin zeigt am ersten Tag nach den Sommerferien Fotos auf ihrem Smartphone. »Ich habe an einem ganz tollen Zeltlager teilgenommen«, erzählt sie begeistert dem Lehrer. Dieser bemerkt die merkwürdige Kleidung des Betreuers sowie die ihm unbekannten Symbole auf den Zelten und wird stutzig. Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Zeltlager von sogenannten ›völkischen Siedlern‹ handelt, einer vor allem im ländlichen Raum aktiven rechtsextremen Bewegung, die sich ideologisch am ›völkischen Nationalismus‹ orientiert.
Die Präsenz solcher lokalen Gruppen wird zunehmend auch für die Schule als Ort demokratischer Bildung zu einer Herausforderung: Reportagen und Dokumentationen zeigen die reale Gefahr, die von ›völkischen Siedlern‹ ausgeht: Sie bringen sich in lokale Strukturen wie Dorfgemeinschaften, Vereine oder Elterninitiativen ein und verbreiten durch »vermeintlich harmlose, esoterische Weltanschauungen, ehrenamtliches Engagement oder Anleihen aus Natur- und Umweltschutz« ihre menschenfeindliche Ideologie. »Gleichzeitig werden durch Einflussnahme an Schulen oder durch die Organisation rechtsextremer Freizeitangebote und Zeltlager Kinder und Jugendliche gezielt mit rechtsextremer Ideologie indoktriniert« (1).
Da sich die völkische Ideologie oft mit Begriffen der Alltagssprache tarnt (2), ist es wichtig, völkisches Denken zu erkennen und problematisieren zu können. Ein historischer Überblick über die Entstehung der Ideologie ist dabei hilfreich.

In diesem Modul …
- erfahren Sie, was völkischer Nationalismus ist,
- lernen Sie die Funktion des Antisemitismus in dieser Weltanschauung kennen,
- und erhalten Sie Einblicke in seine Bedeutung für extrem rechte Jugendkulturen in der Gegenwart.
Am Ende eines jeden Moduls wird auf weiterführende Fachliteratur verwiesen. Ebenso erhalten Sie Handlungsempfehlungen für den Schulalltag und Zugang zu Methoden aus der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit, die Sie direkt im Unterricht einsetzen können.
Quellen
(1) Amadeu-Antonio-Stiftung (o. J.): Völkischer Rechtsextremismus in ländlichen Räumen, online bei amadeu-antonio-stiftung.de.
(2) ebd.
Kernmerkmale des völkischen Nationalismus
Der völkische Nationalismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts als pangermanische Ideologie. Sie hatte das Ziel, alle ›ethnischen Deutschen‹ zu einer Gemeinschaft in einem Territorium zu vereinen. Diese Form des Nationalismus verbindet rassistische und antisemitische Ideologien mit einer Idealisierung von Naturverbundenheit, Mystik und Esoterik.
›Pangermanismus‹ ist eine politische Ideologie, die die größtmögliche territoriale und nationalstaatliche Vereinigung (›Großdeutsche Lösung‹) aller anstrebt, die über Abstammung, Sprache und Kultur als deutsch definiert werden können. Er war im 19. Jahrhundert ein starker politischer Faktor und ist mit militaristischen und imperialistischen Bestrebungen verbunden.
Auch wenn sich der völkische Nationalismus gestern und heute in Ton und Wortwahl unterscheiden, lassen sich Kernmerkmale feststellen, die für die historische und die gegenwärtige Erscheinungsform gleichermaßen gelten (1).
- Der Volksbegriff wird nicht politisch – also über die Zugehörigkeit zu einem Staatsvolk durch Staatsbürgerschaft – sondern pseudobiologisch-rassistisch verstanden: ›Abstammung‹, ›Rasse‹ sowie ›Blut‹ und ›Boden‹ gelten als entscheidend für die Zugehörigkeit zu Volk, Staat und Nation.
- Moderne Vorstellungen von Gleichheit, Demokratie und Individualismus werden abgelehnt und als Verfall von Tradition, Naturverbundenheit und ›germanischer Mythologie‹ betrachtet.
- Daraus resultiert der Glaube an einen ›Führer‹ oder eine ›natürliche Elite‹, die Volk und Staat leiten und definieren, wer als deutsch gilt und wer nicht.
- Ein übersteigerter Nationalismus behauptet eine besondere Mission des ›deutschen Volkes‹, die es mit allen Mitteln zu verfolgen gelte. Dies führt zur Abgrenzung und Abwertung von anderen Völkern.
- Dazu werden Feindbilder konstruiert, diese vermeintlichen Feinde gefährden die sogenannte ›Reinheit des deutschen Volkes‹.
- Der völkische Nationalismus ist durch Expansionismus gekennzeichnet. Das heißt, er beansprucht zusätzlichen ›Lebensraum‹ für das eigene Volk. Diese Ideologie rechtfertigt Kolonialismus, Ausbeutung anderer Länder und Eroberungskriege.
Quellen
(1) Helmut Kellershohn (2000): Das Projekt Junge Freiheit. Eine Einführung, in: ders. (Hrsg.): Das Plagiat. Der Völkische Nationalismus der Jungen Freiheit. Münster: Unrast Verlag, Seite 17–50.

Eine Ideologie der Ungleichwertigkeit
Im 19. Jahrhundert geraten traditionelle Herrschaftsformen wie Monarchie und Feudalismus unter Druck und verlieren ihre politische Legitimität. Dieses Legitimationsdefizit nutzten Ideologen wie Wilhelm Marr, um Herrschaft neu zu begründen (1).
Dazu benutzten sie eine schon damals wissenschaftlich unhaltbare Übertragung von Darwins Evolutionstheorie auf die menschliche Gesellschaft, die auch ›Sozialdarwinismus‹ genannt wird. Mit pseudo-naturwissenschaftlichen Erkenntnissen begründet diese Ideologie die angebliche ›natürliche‹ Ungleichwertigkeit und Ungleichheit von Menschen. Daraus wurde politisch auch geschlossen, dass nur die ›stärkste Menschenrasse‹ das Recht habe, sich fortzupflanzen und zu überleben. Jeder, der in dieser Ideologie als ›schwach‹, ›minderwertig‹ oder ›nicht lebenswert‹ betrachtet wurde, sollte dagegen aus Staat und Gesellschaft ausgegrenzt werden (2).
Diese Ideologie der Ungleichwertigkeit ist bis heute ein Kernelement des Rechtsextremismus (3). Sie ist vielseitig verwendbar, etwa auch zur Abwertung von Arbeits-, Erwerbs-, oder Wohnungslosen. Im Zentrum des historischen und gegenwärtigen Rechtsextremismus steht aber die Abwertung von ›Fremden‹, in welcher der Antisemitismus als ›weltanschaulicher Kitt‹ eine besondere Funktion erfüllt.
Quellen
(1) Stefan Breuer (2021): Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945, Stuttgart: Reclam, Seite 99-128.
(2) Merle Stöver (2025): Ideologie: Was ist eigentlich Sozialdarwinismus?, online bei belltower.news.
(3) Manuela Lenzen (2015): Was ist Sozialdarwinismus, online bei bpb.de.
Sie haben nun schon einige Informationen über den völkischen Nationalismus erhalten. Was vermuten Sie vor diesem Hintergrund: Welche Vorstellungen von Jüdinnen und Juden sind für den völkischen Antisemitismus kennzeichnend?
Ziehen Sie die Aussage in der Mitte in das richtige Feld.
Die Aussage stimmt.
Rassistische Zuschreibungen unveränderlicher ›Wesenseigenschaften‹ aufgrund von ›Gruppenzugehörigkeit‹ sind zentral für den völkischen Antisemitismus.
Sie dienen der Definition des ›Eigenen‹ durch Abgrenzung vom ›Fremden‹. Das Eigene steht dabei für das Überlegene, das Gute und Gerechte, das Fremde für das Schlechte, Böse und Zerstörerische (1).
Quellen
(1) Samuel Salzborn (2018): Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne, Weinheim/Basel: Beltz Juventa, Seite 62.
Die Aussage stimmt nicht.
Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erhielten Jüdinnen und Juden Bürgerrechte.
Der völkische Nationalismus forderte hingegen, ihnen diese Rechte wieder zu entziehen und Jüdinnen und Juden von der politischen Mitbestimmung auszuschließen. Ihre Mitbestimmung würde dazu führen, dass ein ›fremder Volksgeist‹ negativ auf ›deutsche Werte‹ einwirken würde (1).
Solche Fragen nach Zugehörigkeit, nach Exklusion und Inklusion, wie sie in der deutschen Nationalstaatsbewegung des 19. Jahrhunderts aufgeworfen wurden, wirken bis heute nach. Sie klingen in den Auseinandersetzungen über das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht und in rechtspopulistischen Forderungen nach ›Remigration‹ an. Über harmlos wirkende Begriffe wie ›Biodeutsche‹ – also Unterscheidung zwischen ›biologischen‹, ›von Deutschen abstammenden‹ und anderen, etwa Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern mit Migrationsgeschichte, hat sich völkisches Denken auch in die Alltagssprache eingeschlichen.
Quellen
(1) Micha Brumlik (2020): Antisemitismus.100 Seiten, Stuttgart: Reclam, Seite 46.
Die Aussage stimmt nicht.
Antisemitismus wurde nicht mehr religiös begründet, sondern vermeintlich wissenschaftlich mit einer angeblich unveränderlichen Natur begründet. Jüdinnen und Juden konnten dadurch selbst bei Konversion durch Taufe nie Teil des deutschen Volkes werden (1).
Quellen
(1) Klaus Holz (2001): Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg: Hamburger Edition, Seite 259-263.
Die Aussage stimmt.
Diese ›Agenten der Moderne‹ gelten als ›fremde Einwirkung‹ auf die Gesellschaft. Ihr angebliches Handeln wird für soziale Missstände und Krisen, vermeintliche ›gesellschaftliche Fehlentwicklungen‹ – Liberalismus, Individualismus, Demokratie oder Menschenrechte – und den ›Verfall‹ der alten Ordnung verantwortlich gemacht (1). Die Einstellung, alle Fehlentwicklungen auf das willentliche Handeln einer bestimmten Gruppe zurückzuführen, ist auch für den Antisemitismus der Gegenwart zentral (2).
Quellen
(1) Max Horkheimer (1939): Die Juden und Europa, in: Alfred Schmidt (Hrsg.): Gesammelte Schriften Band 4, Frankfurt am Main: Fischer 2014, Seite 325.
(2) Stefan Breuer (2021): Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945, Stuttgart: Reclam, Seite 99-128.
Die Verbreitung des völkischen Antisemitismus
Der völkische Antisemitismus war vor allem bei konservativen, nationalistischen und reaktionären Parteien und Jugendorganisationen zu finden, unter anderem in der größten und bekanntesten dieser Gruppen, dem Alldeutschen Verband. Seine paramilitärische Tochterorganisation, der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, wollte seine völkischen Ideale mit Gewalt durchsetzen.
Was denken Sie? In welchen Regionen war der völkische Antisemitismus besonders stark vertreten.
Der völkische Antisemitismus fand als Erklärungsmodell sozialer Probleme und Krisen seine Anhängerschaft zunächst bei konservativen, nationalistischen und reaktionären Zirkeln und Gruppen in »urbanen und industriellen Ballungszentren« (1) des Deutschen Kaiserreichs, etwa in Berlin. Gemäß der völkischen Ideologie ließen sich dort der gesellschaftliche Verfall und die Fehlentwicklungen von Liberalismus, Demokratie und Individualismus besonders gut ablesen.
Quellen
(1) Uwe Puschner (2016): Die völkische Bewegung, online bei bpb.de.
Ausgehend von der Information, dass völkisches Denken vor allem in Großstädten und urbanen Zentren aufzufinden war: Unter welchen Berufsgruppen könnte der völkische Antisemitismus besonders verbreitet gewesen sein?
Der völkische Antisemitismus war ein Phänomen des Mittelstandes und des Bildungsbürgertums, er war unter Akademikerinnen und Akademikern und Studierenden sowie im Militär besonders stark verbreitet.
Obwohl er zunächst ein Elitenphänomen war, verbreitete er sich durch die Universitäten und die nationalistische Presse rasant (1). Damit wurde die Vorstellung, Jüdinnen und Juden würden nicht zur deutschen Gesellschaft gehören, Teil der deutschen Alltagskultur und ein wirksames Mittel zur Ausgrenzung. Die Historikerin Shulamit Volkov spricht daher von ›Antisemitismus als kulturellem Code‹, der auch außerhalb des Bildungsbürgertums anschlussfähig war. Denn der Antisemitismus lieferte eine vermeintliche Erklärung dafür, warum der ›einfachen Bevölkerung‹ politische Teilhabe und sozialer Aufstieg verwehrt wurden. Anstatt tatsächliche ökonomische und sozialen Probleme zu bearbeiten, identifizierte der völkische Antisemitismus Jüdinnen und Juden als Schuldige für persönliches und gesellschaftliches Leid, Konflikte und Entsagungen (2).
Quellen
(1) Uwe Puschner (2016): Die völkische Bewegung, online bei bpb.de.
(2) Shulamit Volkov (2000): Antisemitismus als kultureller Code. Zehn Essays, München: Beck, Seite 13-36.
Die Verbreitung des völkischen Antisemitismus heute
Im 19. Jahrhundert war der völkische Antisemitismus zunächst in Städten verbreitet. Heute hat sich die Aktivität völkischer Akteure eher auf den ländlichen Raum verschoben. Die Strukturschwäche ländlicher Regionen, eine schwächer ausgeprägte Zivilgesellschaft sowie eine mythologische Aufladung von Natur und dörflicher Idylle spielen hierbei eine besondere Rolle (1). Dieser geographische Wandel steht auch mit einem Wandel der Möglichkeiten zur Verbreitung von Propaganda über das Internet in Verbindung. Heute kann völkische Ideologie über das Internet immer und überall konsumiert werden.
Im Internet und in rechten Medien wird völkische Ideologie mit Vokabeln wie ›Ethnopluralismus‹, ›Großer Austausch‹ oder ›Great Reset‹ verbreitet. Sie klingen weniger verdächtig als frühere ›Rassentheorien‹, sind aber ebenso antisemitisch motiviert. Sie sind antisemitistisch, wenn etwa behaupte wird, dass »Völker […] unveränderliche kulturelle Identitäten [besäßen], die vor fremden Einflüssen zu schützen seien« (2), oder dass ›Massenmigration‹ und die Corona-Pandemie von einer als ›Globalisten‹ bezeichneten geheimen Elite ›geplant eingesetzt werden‹, um diese ›Völker‹ zu vernichten. Solche Vokabeln dienen als Codes, um nicht offen von einer ›jüdischen Weltverschwörung‹ zu sprechen. Ihr antisemitischer Charakter zeigt sich allerdings etwa dann, wenn der jüdische Philanthrop George Soros als ›Strippenzieher‹ bezeichnet wird (3).
Die Verbreitung solcher Codes über Foren wie 8Chan/8kun, kaum kontrollierte Gamingplattformen wie Twitch oder Steam, und Messengerdienste wie Telegram kann zur oft unbemerkten Radikalisierung rechtsextremer Gewalt- und Attentäter führen, wie sich am Beispiel von Stephan Balliet zeigt. Der Rechtsextremist hatte am 9. Oktober 2019 – an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag – schwer bewaffnet versucht, in die Synagoge in Halle an der Saale einzudringen, um »möglichst viele Juden zu töten« (4), während er seine Verbrechen live im Internet streamte.
Um präventiv gegen solche Radikalisierung vorzugehen, ist es nicht nur wichtig, rechtsextreme Codes entschlüsseln zu können, sondern auch über die lange Tradition des völkischen Nationalismus als ihnen zugrundeliegende Ideologie informiert zu sein.
Rassentheorien sind ein im 19. und 20. Jahrhundert verbreiteter, pseudowissenschaftlicher Versuch, die Menschheit in (real nicht existierende) ›Menschenrassen‹ einzuteilen, um die Über- und Unterlegenheit bestimmter Menschen und somit deren Ausbeutung, Verfolgung und Vernichtung zu rechtfertigen.
Quellen
(1) Amadeu-Antonio-Stiftung (2017): »Die letzten von gestern, die ersten von morgen«? Völkischer Rechtsextremismus in Niedersachsen, online bei amadeu-antonio-stiftung.de, Seite 4.
(2) Roland Eckert (2010): Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten, online bei bpb.de.
(3) Amadeu-Antonio-Stiftung (2021): deconstruct antisemitism! Antisemitische Codes und Metaphern erkennen, online bei amadeu-antonio-stiftung.de, Seite 8-10.
(4) Kira Ayyadi (2019): Die ›Gamification‹ des Terrors. Wenn Hass zu einem Spiel verkommt, online bei amadeu-antonio-stiftung.de.

Einladung zur vertiefenden Reflexion
Im Folgenden erhalten Sie einige Fragen, mit denen Sie das Gelernte reflektieren können.
Sie haben zu Beginn des Moduls sechs Kernmerkmale des völkischen Nationalismus kennengelernt. Ordnen sie zu, ob es sich um Aussagen handelt, die auf den völkischen Nationalismus zutreffen.
Die Aussage trifft auf völkischen Nationalismus zu.
Die Aussage trifft auf völkischen Nationalismus zu.
Die Aussage trifft auf völkischen Nationalismus zu.
Die Aussage trifft auf völkischen Nationalismus zu.
Wie können Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler befähigen, völkische und antisemitische Narrative in sozialen Medien zu erkennen und zu dekonstruieren?
Völkische und antisemitische Narrative werden heute zunehmend über digitale Medien verbreitet – oft in Form von Memes, Kurzvideos, Hashtags oder scheinbar harmlosen Sprüchen. Lehrkräfte spielen daher eine entscheidende Rolle, Schülerinnen und Schüler zu digitaler Urteilskraft und kritischer Medienkompetenz zu befähigen. Ziel ist nicht, Zensur zu üben, sondern Bewusstsein für und Widerstandsfähigkeit gegen manipulative Inhalte zu fördern.
Ein zentraler Ansatz besteht darin, digitale Kommunikation gemeinsam zu dekonstruieren: Wer spricht hier? Welche Emotionen werden angesprochen? Welche Symbole oder Codes deuten auf antisemitische oder völkische Ideologie hin (z. B. Zahlencodes, Runensymbole, verfälschte Zitate)? Wenn Schülerinnen und Schülern lernen, diese Mechanismen zu erkennen, verlieren sie ihre suggestive Macht.
Zudem ist es wichtig, Handlungskompetenz zu fördern: Schülerinnen und Schüler können Gegenrede-Projekte entwickeln, eigene Posts gestalten oder schulische Kampagnen für Vielfalt und Respekt initiieren. So wird Medienbildung zu Demokratiebildung.
Lehrkräfte müssen dafür selbst geschult sein – in digitaler Medienanalyse, historischer Einordnung und Kommunikationspädagogik. Nur so können sie sicher durch den Spannungsraum zwischen Aufklärung und unbeabsichtigter Reproduktion führen.
Lehrkräfte sollten dabei stets Haltung zeigen: Antisemitische oder völkische Narrative sind keine ›Meinungen‹, sondern Angriffe auf Menschenwürde und Demokratie. Wenn Schülerinnen und Schüler erleben, dass ihre Lehrkräfte diese Haltung klar, aber respektvoll vertreten, lernen sie, auch selbst in digitalen Räumen kritisch, empathisch und mutig Position zu beziehen.
Völkischer Nationalismus und Antisemitismus sind demokratiefeindliche Ideologien. Dürfen Sie solche Ideologien aber als Lehrkraft kritisieren? Verpflichten Sie nicht das Schulgesetz NRW und der Beutelsbacher Konsens zu strikter politischer Neutralität?
Was denken Sie? Welche der folgenden Aussagen treffen zu?
Die Aussage stimmt nicht.
Der Beutelsbacher Konsens verpflichtet Lehrkräfte nicht zu parteipolitischer Neutralität im Sinne eines ›Nicht-Positionierens‹. Im Gegenteil: Laut Schulgesetz NRW (§ 2 und § 57) sind Lehrkräfte verpflichtet, die freiheitlich-demokratische Grundordnung aktiv zu verteidigen und im Unterricht zu stärken.
Das bedeutet, sie dürfen und sollen demokratie- und menschenfeindliche Phänomene – wie den völkischen Nationalismus – kritisch ansprechen und einordnen, solange dies sachlich und nicht indoktrinierend geschieht. Lehrkräfte dürfen verfassungsfeindlichen Positionen gegenüber nicht neutral sein. Sie müssen ihnen entschieden entgegentreten (§ 33 Beamtenstatusgesetz NRW).
Die Aussage stimmt.
Das Überwältigungsverbot ist eines der drei Grundprinzipien des Beutelsbacher Konsenses. Lehrkräfte dürfen Schülerinnen und Schüler nicht überrumpeln oder indoktrinieren, sondern müssen ihre Fähigkeit zur selbstständigen Urteilsbildung fördern. Dies bedeutet, dass Lernende die Chance bekommen sollen, eigene politische Einschätzungen zu entwickeln und kritisch zu reflektieren, anstatt eine Meinung einfach zu übernehmen. Diese Haltung stärkt die Demokratiekompetenz und entspricht unmittelbar dem pädagogischen Auftrag (§ 2 Schulgesetz NRW).
Die Aussage stimmt.
Das sogenannte Kontroversitätsgebot schreibt vor, dass Themen, die in Wissenschaft und Politik kontrovers diskutiert werden, auch im Unterricht kontrovers erscheinen müssen. Lehrkräfte sollen also mehrere Perspektiven darstellen, damit Schülerinnen und Schüler lernen, politische Konflikte zu verstehen und eigene Standpunkte zu bilden.
Dieses Prinzip wird zwar nicht als Gesetzesartikel formuliert, ist in NRW aber über den Erziehungsauftrag (§ 2 SchulG NRW) und ministerielle Ausführungen fest verankert. Dadurch wird verhindert, dass Lehrkräfte nur eine Sichtweise präsentieren oder Schülerinnen und Schüler einseitig beeinflussen.
Die Aussage stimmt nicht.
Das Neutralitätsgebot bedeutet nicht, dass Lehrkräfte demokratiefeindliche Positionen unwidersprochen stehen lassen müssen. Sie sind sogar gesetzlich verpflichtet, auf Erscheinungen wie völkischen Nationalismus, Rechtsextremismus oder verfassungsfeindliche Tendenzen kritisch hinzuweisen und demokratische Werte zu vermitteln. Dies entspricht dem pädagogischen Auftrag, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu schützen und zu stärken. Ein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot würde nur vorliegen, wenn Lehrkräfte indoktrinierend oder parteipolitisch einseitig agierten.
Solange sie sachlich, multiperspektivisch und im Rahmen demokratischer Werte unterrichten, handeln sie vollkommen rechtmäßig.
Sie haben das Modul »Was ist ›völkischer Antisemitismus‹« beendet!
Die Broschüre Land unter? Handlungsempfehlungen zum Umgang mit völkischen Siedler*innen (2020) der Amadeu-Antonio-Stiftung gibt einen Überblick über völkischer Ideologie, zeigt den Umgang mit ihr in Bildungseinrichtungen sowie am Arbeitsplatz und zeigt Beispiele gelungenen zivilgesellschaftlichen Engagements gegen versuchte extrem rechte Einflussnahme.
Das Kompetenzzentrum Rechtsextremismus und Demokratieschutz der Amadeu-Antonio-Stiftung unterstützt Menschen und Institutionen im Umgang mit Rechtsextremismus, Siedlungsprojekten und anderen Erscheinungsformen völkischer Ideologie. Es berät Kommunen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Lehrkräfte, Vereine und Bildungseinrichtungen und hilft dabei, Wissen aufzubauen, Handlungssicherheit zu gewinnen und eine klare demokratische Haltung zu entwickeln. Dafür steht auch ein Fachreferent für ländliche Räume zur Verfügung.
Denken Sie daran:
- Mit diesem neu erworbenen Wissen können Sie faktenbasiert gegen Antisemitismus argumentieren.
- Schauen Sie also nicht weg, sondern handeln Sie! Beachten Sie dazu die Handlungsleitlinien Antisemitismus des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
- Antisemitismus ist keine Meinung, sondern eine direkte Bedrohung von Jüdinnen und Juden. Melden Sie antisemitische Vorfälle bei RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus).
- Nehmen Sie bitte auch die Rechtlichen Regelungen im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen in Schulen sowie den Erlass Zusammenarbeit bei der Verhütung und Bekämpfung der Jugendkriminalität zur Kenntnis.
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Weiterführende Literatur zum Thema
Paul W. Massing (1959): Vorgeschichte des politischen Antisemitismus. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Ulrich Wyrwa, Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt 2021.
Uwe Puschner (2001): Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Rico Behrens/Anja Besand/Stefan Breuer (2021): Politische Bildung in reaktionären Zeiten. Plädoyer für eine standhafte Schule, Frankfurt am Main: Wochenschau.
Unterrichtsmaterialien zum Thema
Arbeitsblätter der Bundeszentrale für politische Bildung für den Unterricht um völkische und rechtsextreme Rhetorik zu erkennen
Handreichung der Bildungsstätte Anne Frank zu Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus.